Opa geht es heute nicht gut. Sein Frühstück hat er zu sich genommen und ist dann auch wieder ein Stück Spazieren gegangen. Gegen 9:00 Uhr kommt er raus in den Garten und erzählt mir ganz schlüssig, wo er am Morgen gewesen ist, was er alles gesehen hat und wen er getroffen hat. Dann erkundigt er sich, ob ich die Fenster denn nun schließen könnte, es mit dem Lüften genug sei? Klar können wir die Fenster jetzt schließen, denn heute wird es offenbar sehr warm. Zu warm von draußen mag Opa nicht, dann lieber die Heizung. Des Menschen Wille…
Zum Mittag muss ich den Opa wecken, er schläft im Sessel. Wir hatten gestern einen Reiseintopf und soetwas koche ich stets für zwei Tage. Es gab also noch einmal das gleiche Gericht. Durch das Erwärmen ist der Reis noch mehr aufgequollen und somit schon fast ein bisschen zu breiig. Dem Geschmack tut dieses keinen Abbruch. Dennoch scheint Opa sich darüber zu ärgern, dass er das nochmals essen soll, genau wie wir alle eben.
Nach etwa zwanzig Löffeln schiebt Opa die Schüssel beiseite und erklärt:
„Das kann ich nicht essen, dass ist viel zu hart.“
Alles schaut sich an und keiner weis was hart daran sein soll.
„Dann musst Du es stehenlassen. Ich finde es fast schon zu weich.“
„Nein, es ist hart und das kann ich nicht essen.“
„Dann musst Du eben mal kauen Vater. Es ist sowieso besser für Deinen Magen, wenn alles gut gekaut ist.“
Das ist ein ganz wunder Punkt beim Opa. Solange wie ich ihn kenne, hat er alles vermieden, was wirklich gut gekaut werden muss. Kein Obst, keinen Salat, keine sonstige Rohkost. Kein Schwarzbrot usw. Selbst gekochtes Gemüse wurde nach Möglichkeit unter einem Vorwand auf dem Teller gelassen oder gar nicht erst aufgefüllt. Mir ist bis heute ein Rätsel, wie der Mann seinen Vitaminhaushalt jemals gedeckt bekommen hat.
Jedoch Opa bockt. Das Essen trägt er in die Küche und damit hat es sich erledigt. Noch haben wir alle ein Schulterzucken drauf. Zum Kaffee wird er dann eben etwas mehr sich nehmen. Doch weit gefehlt. Das Kuchenstück wurde zu einem Drittel gegessen und dann beiseite geschoben. Es sei viel zu groß und das könne er eben nicht aufessen.
„Vater, was ist los? Sonst ist das Essen auch nicht anders und Du wartest förmlich auf die Mahlzeiten. Also was ist wirklich?“
„Das hat doch alles keinen Zweck.“
„Was hat keinen Zweck?“
„Ich sitze den ganzen Tag rum, esse, gehe zur Toilette und schaffe es meist nicht rechtzeitig. Ich kann nichts mehr essen, das braucht mein Körper alles nicht.“
„Vater, es ist für Menschen Deines Alters und auch schon für viel Jüngere, durchaus normal, das ein Schließmuskelschwäche vorliegen kann. Das ist aber kein Grund so zu zweifeln. Dafür gibt es doch Vorlagen, Windelhosen und, und, und. Das ist doch kein wirkliches Problem.“
„Für Sie nicht, aber ich, ich kann gar nichts mehr. Ich muss ständig da hin rennen und dann diese ganze Sauerei. Das geht oben rein und unten einfach wieder raus.“
„Vater, das muss doch wieder raus und das Du es nicht immer halten kannst ist altersbedingt.“
„Das ist doch kein Leben. Ich kann nichts machen, weil ich nichts sehen kann. Ich gehe ein paar Schritte da draußen und dann muss ich umkehren weil…“
Die ganze Palette der Probleme kam auf einmal hoch. Er fühlt sich überflüssig, nutzlos und völlig hilflos. Das Leben mache einfach keinen Spaß.
„Was möchtest Du denn gerne mal machen? Vielleicht schaffen wir es ja doch etwas für Dich auf die Beine zu stellen.“
„Nee, lassen Sie mich man hier einfach mal liegen, mir ist nämlich gar nicht so gut. Zum Abend werde ich nichts mehr essen, dass kommt doch gleich wieder raus, dass ist glatte Verschwendung.“
„Du musst ja auch nichts Essen, soll ich Dir mal einen Magentee kochen?“
„Nein, nein ich will einfach nur ein bisschen schlafen jetzt.“
„Ok. Dann schaue ich später noch mal rein.“
„Hoffentlich hab ich bis dahin aufgehört zu atmen.“
„Vater, so darfst Du aber nicht reden. Es war doch heute ein so schöner Tag. Du bist draußen gewesen, hast Dich an den Dingen erfreut, welche Du gesehen hast. „
„Jajaja, aber ich mag nicht mehr, wissen Sie eigentlich wie alt ich bin? Ich will es gleich nochmals ausrechnen, aber es fehlt nicht mehr viel an der 100. Ich kann nichts machen, nur immer sitzen und warten und warten. Und worauf? Jaaaaaaaaaa, da schauen SIE. Genau darauf muss ich warten. Auf ihn, den Heini. Ich will nicht mehr warten. Und jetzt lassen sie mich schlafen. Morgen sieht das bestimmt schon wieder anders aus.“
Damit legt Opa sich wieder auf sein Sofa und dreht mir den Rücken zu. Nachdenklich verlasse ich das Zimmer. Am Abend berichte ich meinem Mann. Dieser erzählt mir, dass sein Vater es nicht zum ersten Mal erwähnt hat, er scheint wirklich zu warten. Einzig der Herzschrittmacher macht ihm offenbar einen Strich durch die Rechnung. Mein Mann ist traurig, aber andererseits kann er ihn auch gut verstehen. Kaum laufen, so gut wie nicht mehr sehen, so gut wie nicht mehr hören, nicht richtig essen und das Gedächtnis streikt immer mehr und täglich kommen neue Beschwerden hinzu. Armer alter Mann.